Rede der 1. Vorsitzenden Frau Angelika Kalleder zum Vereinsjubiläum

Liebe Kunst- und Museumsfreunde,

Sehr geehrte Gäste,
Ich möchte heute keine Ehrengäste begrüßen, da wir als Verein heute unter  uns sind und als Kunstfreunde gemeinsam feiern wollen.Wir feiern heute 20 Jahre Hengersberger Kunst- und Museumsfreunde e.V. und 20 Jahre Kunstsammlung Ostbayern im Spital. Beide Jubiläen bedingen sich gegenseitig, denn keine Institution könnte ohne die andere existieren. Unser Verein wurde als Förderverein des Spitals gegründet ,und die Kunstsammlung Ostbayern benötigt unseren Verein umgekehrt als Leihgeber, als Helfer bei Aufsichten, als regelmäßige Besucher bei Ausstellungen und als Organisator, der dieses Haus mit Kulturveranstaltungen vielfältiger Art mit Lesungen, Vorträgen und  Konzerten mit Leben erfüllt. Wer unser Programm nicht kennt, dem lege ich unseren Flyer ans Herz, der an die 50 Veranstaltungen für dieses Jahr aufführt.


Ich stehe vor Ihnen als aktuelle Vorsitzende der Kunst- und Museumsfreunde und so quasi als Repräsentantin einer mittleren Generation. Herr Dr. Günther Zimmermann wird  über die Anfänge des Spitals und die erste Generation der Kunst- und Museumsfreunde berichten. Wenn ich an Generationen und an Kunst denke, fallen mir sofort die sogenannten Generationenbäume ein. Diese werden in einem der weltweit bedeutendsten Zentren  für Holzbildhauerei in Afrika gefertigt. Stellen Sie sich einen Baumstamm vor, aus dem viele übereinander ruhende filigrane Kreise von Menschen geschnitzt sind. Ein Kreis von Personen ruht auf den Schultern der vorhergehenden Generation und so weiter. Zeitgenössische Künstler zeigen nun die Empfindlichkeit eines solchen Systems, indem sie schiefe, gebogene Türme schnitzen. In dem Moment, wo der Zusammenhalt zwischen Menschen reißt, in dem Moment, wo ein einzelner die Last nicht mehr tragen kann , oder sich der aufgetragenen Verantwortung entzieht, gerät solch ein  System ins Wanken. Dies gilt bildlich für einen Generationenbaum aber auch für einen Verein wie unseren oder eine Institution wie dieses Museum. In diesem Bewusstsein möchte ich heute meinen  Dank  all jenen aussprechen, die für unsere heutige Generation ein gutes und stabiles Fundament bereitet haben, auf das wir aufbauen konnten:
den Gründervätern des Spitals und der Kunst- und Museumsfreunde, insbesondere Herrn Georg Loibl, Herrn Dr. Günther Zimmermann und Herrn Bgm. a.D. Werner Bachmaier, sowie den künstlerischen Initiatoren. Mein Dank gilt aber auch all jenen, mit denen wir in Verein und Marktgemeinde heute bildlich gesprochen, einen Kreis bilden und die tatkräftig mit „anpacken“.  
Das sind für mich meine Vorstandskollegen Florian Jung, Lilly Gotzler, Marianne Weidenbeck, Norbert Überschaer, Dr. Günther Zimmermann, Andreas Roider, Georg Gammel und Gerhild Maiwald. Ferner gilt mein Dank  den  Damen von der Kasse im Spital, die zum Teil seit Anfang an, ihr Herzblut für diese Institution geopfert haben und den Verantwortlichen in der Marktgemeinde, die das Projekt weiterhin unterstützen sowie den Helfern aus unserem Verein, die z.B. durch die Übernahme von Zweitaufsichten oder bei der Mitarbeit bei SPITTI mithelfen. Das große bindende Glied zwischen den Generationen und Institutionen ist unbestritten unser Schriftführer und Kurator Norbert Überschaer, dem besonderen Dank gilt. Mein Dank gilt aber auch prospektiv all jenen, die nach uns kommen werden und  den Generationenbaum aufrecht und zielstrebig weiterführen mögen. Es liegt in unserer Verantwortung, schon heute Nachwuchs zu suchen, für Vorstandstätigkeiten zu motivieren und somit ein gutes Fundament für die Zukunft zu bereiten. Von den Gründungsmitgliedern sind schon viele verstorben und es gibt Jahre, in denen wir sechs Verstorbene Mitglieder zu beklagen haben. Es gelingt uns immer wieder Neumitglieder zu werben und unseren Mitgliederstand von rund 300  zu halten,  aber es muss unsere Sorge sein, diese in  aktive Vorstandstätigkeiten einzubinden.
Kunst und Lebensverläufe haben aber noch eine Gemeinsamkeit, denn sie sind immer eine Frage der Perspektive und des richtigen Abstandes. Ist der Abstand zu groß, fehlt jegliche Wahrnehmung. Bei zu geringem Abstand sehen wir nur Details, Punkte und Striche und übersehen die Aussage. So hilft uns die Übung des richtigen Abstandes bei der Kunstbetrachtung, uns auch  im richtigen Abstand zu den Dingen  allgemein zu üben.  Perspektivisch sind runde Geburtstage  aus dem Alltag hervorgehobene Punkte, Leuchttürmen gleich, von denen aus wir gerne unsere Vergangenheit überblicken, wie Dr. Zimmermann dies noch tun wird,  und mit geschärftem Blick in die Zukunft schauen sollen. Ferner sind sie  Punkte, an denen wir besonders aufmerksam und kritisch von Mitmenschen und Presse wahrgenommen werden, wie ich das in den letzten Wochen auch erlebt habe.  Runde Geburtstage sind stets auch Wendepunkte, an denen wir an  uns selbst und unsere Mitmenschen an uns, existentielle Fragen richten: Was hast Du bisher erreicht, was willst Du noch erreichen, was hast Du zu Gemeinschaft und Gesellschaft allgemein beigetragen?

Lassen Sie uns einen Moment innehalten und geistig einen Perspektivwechsel vollziehen. Wir müssen den richtigen Abstand suchen, um uns einerseits nicht zu wichtig zu nehmen, schließlich ist Kunst ja auch nicht überlebenswichtig, andererseits müssen wir den richtigen Abstand suchen, um unser Wirken realistisch in seiner Bedeutung einschätzen zu können.

Lassen wir die Kunst in ihrer Rechtfertigung nur für sich selber sprechen, dann gerät Kunst und Kunstförderung leicht in die Defensive. Für viele Menschen ist ein Kunstwerk nur Dekoration, ein bunter Fleck an der Wand, etwas, was wir anschaffen, wenn wir gar nicht mehr wissen wohin mit unserem Geld, oder etwas, wie „ Kunst am Bau“ ,was bestenfalls staatlich verordnet wird. Gegen solche Sichtweisen können wir uns als Kunstbegeisterte  nur schwer wehren.

Die  materielle und immaterielle Bedeutung der Kunst wird dagegen oft leider von den falschen Personen, die der Menschheit schaden wollen, sofort erfasst und instrumentalisiert. So wird von Diktaturen und Terroristen die Kunst zielgerichtet zerstört, um die Identität, die Geschichte und geistige Heimat von Menschen zu vernichten   oder es werden Kunstwerke gezielt enteignet oder geraubt, weil die Räuber auch den materiellen Wert von Kunst genau einschätzen können. So würde die Aufgabe oder der Verlust der Kunstsammlung Ostbayerns sowohl was das Gebäude als auch was die Kunstwerke angeht ein substantieller Verlust unserer ostbayerischen Identität und eine Aufgabe von Heimat bedeuten.

Versuchen wir nun von ganz anderen Wissenschaften wie z.B. von der Anthropologie und Physik entscheidende Argumente für Kunstförderung heranzuziehen. Denken wir uns mit diesen Wissenschaften in Frühgeschichte und in die Zukunft. Am Anfang steht eine Menschheit, die sich in ihrem Überlebenskampf gegen Erfrieren und Verhungern nicht wesentlich vom Tierreich unterscheidet. Was sie unterscheidet, ist schon sehr früh ein künstlerischer Ausdruck in Form von Höhlenmalereien, der Bildnerei von kleinen Statuen, der kunstgewerblichen Verzierungen von Gefäßen der Produktion von Schmuck und der Erschaffung erster Musikinstrumente, nämlich Trommeln und Flöten. Am anderen Ende des Zeitstrahles droht uns, nach den Aussagen führender Denkern, wie z.B. Stephan Hawking, die Abschaffung der Menschheit und das  nicht, weil wir nicht intelligent genug wären,  sondern , weil die Intelligenz nicht in der Lage sein wird, uns zu retten. Am Ende könnten Fähigkeiten,  die die Künste uns lehren, zu unserem Überleben beitragen. Denn um unser Überleben zu sichern, benötigen wir mehr Empathie und Intuition.  Wer sich darin übt, Bilder zu betrachten, Musik zu hören , in die Natur zu gehen und Gesten und Bräuche der Menschen zu studieren, kann sich immer besser einfühlen und versteht immer besser nonverbale Zeichen über Sprachgrenzen und Jahrhunderte hinweg. Wer z.B. den Isenheimer Altar, Pablo Picassos Guernica oder Bilder von Otto Dix oder Georg Philipp Wörlein betrachtet spürt das Leid, das Krieg, Gefangenschaft und Folter erzeugen. Wer den Schluss der Götterdämmerung von Richard Wagner oder die Goldberg-Variationen von Bach hört oder einen Sonnenuntergang von Turner betrachtet, erfährt Trost, Beruhigung und Erlösung unmittelbar  verständlich und zwar und zu allen Zeiten und in allen Ländern. Wer Wolken, Mimik und Gesten, Musik und bildende Kunst versteht, ist durch Empathie und  Intuition jedem Computer voraus, und kann die Zeichen der Zeit richtig deuten. Wenn es bei Ihnen an der Türe klingelt und ein Fremder vor Ihnen steht, so wissen Sie sofort intuitiv, ob dieser sie bedroht oder ihnen etwas Gutes tun will.  Das nennt man emotionale Intelligenz. Insoweit sind wir Menschen immer noch der künstlichen Intelligenz überlegen. Und diese emotionale Intelligenz wird überlebenswichtig für unseren Planeten sein, denn wir müssen uns in die Natur und Mitmenschen einfühlen um menschlichen und ökologischen Bedürfnissen gerecht zu werden. Erfahrungen und Experimente mit der künstlichen Intelligenz haben gezeigt, dass Maschinen uns von der Intelligenz her überlegen sind, aber vor allem ganz schnell Hass lernen, aber nicht lieben können. Auch autokratische Herrscher und Terroristen sind zwar intelligent, haben aber kein Mitgefühl oder Verantwortungsbewusstsein für den Planeten und seinen Bewohner. Nur Intuition und Empathie können unser Überleben sichern. Diese können wir unter anderem durch Kunstbetrachtung lernen und üben. Und so denke ich hier und heute gerne an eine Jubiläumsveranstaltung in München, bei der unser verstorbener Bundespräsident Dr. Roman Herzog die Laudatio hielt. Es war die beste Rede, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Er ermahnte die Zuhörer dringend, zwischen sinnloser Informationsflut, halbwegs zukunftsfähigem Wissen wie z. B. Biologie und Chemie, und wahrer Bildung zu unterscheiden. Bildung war für ihn etwas, was uns durch alle Zeiten und Lebenslagen tragfähig begleitet und etwas, was eigentlich gelehrt werden sollte. Zu Bildung zählte er Sprachen, Geschichte aber auch Musik und Kunst. Wenn uns  nun Kunst immer auch durch die kargsten Zeiten   von der Frühzeit bis in Kriegszeiten als ein dem Menschen innewohnendes Gestaltungsbedürfnis begleitet ,und am Ende vielleicht durch Bildung der Empathie überlebenswichtig sein wird, so dürfen wir die Kunstförderung unseres Vereins, heute und hier, als ganz kleinen aber bitter notwendigen positiven Beitrag zu einer großen Sache sehen ,und all jene mühseligen täglichen Tätigkeiten der Organisation vielfältiger Kulturveranstaltungen, der Aquisition neuer Mitglieder und Kunstwerke, der Presse- und Werbetätigkeit, der Jugendarbeit der oftmals lästigen Verwaltungstätigkeit von der Buchaltung bis zur GEMA als sinnvolle und bitter notwendige Sache  betrachten.

Ich danke all jenen, die bereit sind, als kleines Rädchen an einer ganz ganz großen Sache mitzuwirken und wünsche unserem Verein und diesem Haus ein gerades und starkes Wachstum unseres Generationenbaumes.



Dr. Günther Zimmermann spricht
zur Geschichte des Vereins


Kreisheimatpfleger und
2. Vorsitzender des Vereins
erklärt die Geschichte des Hauses
und der darin befindlichen Künstler
 


Die Gruppe Falk führt mit heiteren und besinnlichen
Texten und Liedern durch den Abend